Calling All Dawns: Stück für Stück (Teil 3)

Zur Erinnerung: In den vorherigen Beiträgen wurde erläutert, wie es dazu kam, dass wir am 28. Mai um 20:30 Uhr das Weltmusikalbum „Calling All Dawns“ beim Deutschen Katholikentag 2022 in Stuttgart aufführen.

Danach hat die Serie „Stück für Stück“ begonnen, die einzelnen Titel des Albums vorzustellen, die fast durchgehend in Verbindung mit religiösen, spirituellen oder kulturellen Texten stehen.

4. Se É Pra Vir Que Venha

Nach Titeln in Suaheli, Japanisch und Chinesisch geht die musikalische Reise weiter und führt die Zuhörer nach Südamerika bzw. Europa: Spätestens mit diesem Hinweis, kann das geübte Auge eventuell erkennen, dass „Se É Pra Vir Que Venha“ Portugiesisch ist.

Gleichzeitig nähern wir uns mit dem Titel – frei übersetzt „Was auch immer auf mich zukommt, lass es kommen!“ – langsam dem Ende des ersten Satzes.
Zur Erinnerung: Das Album „Calling All Dawns“ besteht aus den drei Sätzen Tag, Nacht und Dämmerung, welche dem Leben, Tod und Wiedergeburt entsprechen sollen.
Die Aussage über das Ende des ersten Satzes anders formuliert: Das Stück handelt vom Lebensabend bzw. dem nahenden Tod.

Das zugrunde liegende Gedicht von Patricia Magalhães beschreibt dabei einen mutigen, aber akzeptierenden Umgang mit dem nahenden Tod: Auch wenn das Ziel der Reise ungewiss ist (Jenseits? Leben nach dem Tod? Wiedergeburt?), verabschiedet sich die Erzählerin mit einem friedlichen Abschiedsgesuch in die Nacht.

5. Rassemblons-Nous!

Das französische „Lass uns zusammenstehen!“ markiert gemeinsam mit Se É Pra Vir Que Venha die einzigen beiden Titel des Albums, die nicht auf existierenden religiösen, kulturellen oder spirituellen Texten basieren, sondern original für Calling All Dawns geschrieben wurden.

Rassemblons-Nous ist dabei vieldeutig: Im Zusammenhang mit Frankreich ist die Revolution 1789 sicherlich Vielen ein Begriff und gerade in Frankreich haben solche Aufstände fast schon Tradition, seien es die Unruhen 2005 in Pariser Vororten oder die Gelbwestenbewegung 2018/2019.

Der Liedtext erwähnt dabei weder konkrete Ereignisse noch „Gegner“, sondern ist quasi ein Bauplan für Aufstand, Widerstand oder eine Revolution. Als letzter Titel vor der „Nacht“, liegt also die Interpretation nahe, dass es dabei um eine grundsätzliche Revolution geht, bei der die Menschheit gemeinsam gegen den Tod bzw. die Nacht aufbegehrt: Im Gegensatz zum vierten Titel, worin der Tod akzeptiert wird und die Sängerin sich sanft verabschiedet, widersetzen sich die Musiker in Rassemblons-Nous dem unausweichlichen Ende und stellen sich trotz Furcht und Zweifel (erfolglos) dem Unbekannten.